Interview mit Bruno (Adrian Horn)

 
 
 

„Ich habe nach wie vor grossen Spass am Skisport und will 2006 eine Olympia-Medaille gewinnen“

Interview mit dem Schweizer Ski-Star Bruno Kernen (33) über die kommende Saison, die Trainer und das Leben nach dem Spitzensport

Von Adrian Horn

16 Hundertstel fehlten Bruno Kernen heuer an der Weltmeisterschafts-Abfahrt auf den Bronzenmedaillengewinner, Michael Walchhofer aus Österreich. Weil die gesamte Schweizer WM-Delegation keine Medaille holte, wurde u.a. Bruno Kernen als Buhmann abgestempelt – obwohl er an den Wettkämpfen respektable Leistungen bot. Lange sprach Kernen vom Rücktritt. Im Letzten Frühling aber hat er sich entschieden – er fährt weiter und will es nochmals allen zeigen.

Bruno Kernen, Sie haben sich letzten Frühling entschieden, doch noch mindestens eine Saison anzuhängen. Was waren die Gründe für diese Entscheidung?
Kernen: „Ein Hauptgrund war, dass ich mein Olympia-Ziel, eine Medaille zu gewinnen, noch nicht verwirklichen konnte. Ich habe in meiner bisherigen Karriere drei WM-Medaillen gewonnen, jedoch keine Olympia-Medaille. Ein weiterer Punkt ist sicher, dass die Olympia-Abfahrt auf derselben Strecke stattfindet wie die WM-Abfahrt 1997. Damals wurde ich ja in Sestriere Weltmeister. Dazu kommt, dass ich am Skifahrerdasein immer noch grossen Spass habe. Sowohl das Training wie auch die Rennen bereiten mir Freude. Das Ganze, was sich abseits der Piste abspielt, wurde mir letzte Saison einfach zu viel. Klar, ich bin Profi, muss also mit gewisser Kritik umgehen und leben können. Letzte Saison ging mir alles aber ein bisschen zu weit. Schlussendlich aber habe ich mich zum Weiterfahren entschieden – wegen meinen sportlichen Zielen.“

Welche Ziele haben Sie in der kommenden Saison – mal abgesehen von den Olympischen Spielen?
„ Letzte Saison konnte ich – zu meiner eigenen Überraschung – grosse Fortschritte im Riesenslalom erzielen. Obwohl ich mein Training zurzeit nicht zwingend auf den Riesenslalom ausrichte, ist es bestimmt ein Ziel, mich dort weiter zu verbessern. Mit den Abfahrtsresultaten kann ich bestimmt einigermassen zufrieden sein. Leider aber fehlte der Exploit. Wir (Rossignol, Anm. Verfasser) testen zurzeit eifrig Material, sodass wir dort einen Schritt vorwärts machen sollten. Was letzte Saison bestimmt schlecht war und ich unbedingt verbessern muss, ist der Super-G. Ich möchte unbedingt so schnell wie möglich wieder in die erste Gruppe (Top-15, Anm. Verfasser) vorstossen.“

Sie sagen, Sie wollen sich u.a. im Riesenslalom weiter verbessern. Bedeutet das, dass Sie – wie letzte Saison – auch in Zukunft alle Riesentorläufe bestreiten werden?
„ Schlussendlich entscheiden Form und Gesundheit, ob ich alle Riesentorläufe bestreiten werde. Geplant ist es aber schon, ja.“

Welche Fahrer erachten Sie als Ihre grössten Konkurrenten im Hinblick auf die Olympia-Abfahrt?
„ Grossanlässe haben ja bekanntlich einen eigenen Charakter. Deshalb gibt es immer wieder Überraschungssieger. Da die Abfahrtspiste in Sestriere – gerade im oberen und im untersten Teil – technisch sehr anspruchsvoll ist, glaube ich nicht, dass es einen Überraschungssieger geben wird. Die Fahrer aus den USA und aus Österreich erachte ich aber als meine Hauptkonkurrenten. Dazu sind gerade bei Grossanlässen die beiden Norweger Kjus und Aamodt sehr stark.“

Wäre es nicht klüger gewesen, auf Atomic zu wechseln. Schliesslich fahren fast alle Ihrer grössten Konkurrenten auf Atomic-Skiern?
„ Diese Frage ist bestimmt berechtigt. Wenn man den Medaillenspiegel betrachtet, spricht das eigentlich eine sehr deutliche Sprache. Fakt ist, dass ich vor einiger Zeit einen Vertrag mit Rossignol unterzeichnet habe. Klar, es gäbe Möglichkeiten, von diesem Vertrag zurückzutreten. Jedoch hätte dies einen grossen Image-Verlust zur Folge. Zudem wäre dies mit einem enormen Aufwand verbunden, was das Finanzielle betrifft. Für mich ist es aber eine grosse Herausforderung, die Leute in Frankreich soweit zu bringen, dass alle an einem Strang ziehen und keiner sich zurücklehnt. Ich erachte dies nun als meine Herausforderung und als meine Aufgabe.“

Was halten Sie vom Trainergespann Rufener, Flatscher und Moricod?
„ Ich habe mich in letzter Zeit oft negativ über Swiss-Ski geäussert. Dies ist auch in meiner Webseite zu lesen. Es wäre jedoch falsch, meine Trainer zu kritisieren. Sie sind Profis durch und durch. Sie machen ihren Job hervorragend.“

Trauern Sie manchmal Karl Frehsner nach, der Sie stets als Leader sah, während Sie sich unter Martin Rufener im Training zur WM in Bormio erst qualifizieren mussten?
„ Na ja, Martin Rufener hat diesen Entscheid damals ja nicht alleine gefällt. Aufgrund der damaligen Resultate konnte ich nicht damit rechnen, einen Fixplatz zu erhalten. Ich habe diesen Entscheid nie angefochten. Wenn ich zurückblicke: An der WM 2003 in St. Moritz kam ich mit einem Sieg in der Tasche an die WM. Somit war es nahe liegend, dass ich einen Fixplatz erhielt.“

Es fällt auf, dass Sie einer der wenigen Schweizer Sportler sind, die auch ausserhalb des Sportes für Schlagzeilen sorgen. Wissen Sie, warum das so ist, und mögen Sie das überhaupt?
„ Nein, ich schätze es nicht. Ich bin Einzelsportler, da ist immer eine gewisse Medienpräsenz notwendig, gerade für die Sponsoren. Ich bezweifle aber, dass es dem Sponsor was bringt, wenn man in der Klatschspalte liest, was der Kernen für private Probleme hat. Ich habe grosse Mühe damit, wenn in der Zeitung steht, ich sei mit Frauen zusammen, mit denen ich nie im Kontakt stand. Solche Texte gehen mir – Berndeutsch gesagt – „grausam auf den Sack“. Die Tatsache, dass ich sowohl Single als auch bekannt bin, macht mich für die Klatschspalten halt interessant.“

Experten behaupten immer wieder, Sie hätten aus Ihrem grossen Talent mehr herausholen sollen. Wie sehen Sie das?
„ Klar, solange man nicht alles Mögliche erreicht hat, darf man grundsätzlich nie zufrieden sein. Jedoch wird häufig vergessen, dass ich bereits 13 Knieoperationen hinter mir habe. Ich kann nur sagen, dass ich stets versuche, das Maximum herauszuholen. Ich habe noch immer alles gegeben.“

Sind Sie von solchen Aussagen genervt, oder sind Sie eher davon geschmeichelt, dass man Ihr grosses Potenzial erkennt?
„ Ich muss zugeben: Ja, ich fühle mich jeweils schon ein wenig geschmeichelt. Es stärkt natürlich das Selbstvertrauen, wenn Experten – das sind ja solche, die das Handwerk wirklich verstehen – mein Talent erkennen. Vielleicht werde ich aber ein wenig überschätzt.“

Mal angenommen, Sie erwischen an den Olympischen Spielen einen guten Tag und werden Olympia-Sieger. Dann kommen all die Kritiker, die Sie letzte Saison bereits abgestempelt haben, und feiern plötzlich wieder mit Ihnen. Nerven Sie sich über solche Wandlungen gewisser „Fans“?
„ Nein, mittlerweile bin ich ein „alter Hase“, muss damit umgehen können. Ich habe in dieser Hinsicht viel erlebt. Ich sehe das mittlerweile aber positiv: Es gibt viele Leute, die mit mir mitfiebern und mir die Daumen drücken. Klar, einige davon ärgern sich dann, wenn ich schlecht fahre. Wahrscheinlich aber aus dem Grund, dass sie denken, mit meinem Potenzial müsse ich doch mehr erreichen. Es ist aber ein Grundsatzproblem der Gesellschaft. Häufig wird nur das Negative betrachtet.“

Was machen sie nach Ihrer Skikarriere?
„ Ich kann diese Frage konkret noch nicht beantworten. Als ich mich letzte Saison laut zu einem eventuellen Rücktritt äusserte, erhielt ich mehrere Jobangebote. Ich mache mir keine Sorgen, was die berufliche Zukunft betrifft. Bald beginne ich eine zweijährige Handelsschule. Für mich steht fest, dass ich nicht zu meinem erlernten Beruf, Tiefbauzeichner, zurückkehren werde. Ich denke, meine Stärke liegt in der Kommunikation.“

Könnten Sie es sich vorstellen, als Co-Kommentator zu wirken, wie dies Bernhard Russi tut?
„ Gut, ob ich für einen solchen Job in Frage komme, entscheidet SF DRS. Wenn ein Angebot vorliegen würde, würde ich mir dies gründlich überlegen. Ich müsste spüren, dass ich der Richtige dafür bin. Zurzeit übt aber Bernhard Russi diesen Beruf aus. Er macht das sehr gut. Er hat eine angenehme Stimme und ist sehr kompetent. Egal, wer die Nachfolge von Bernhard als Co- Kommentator antreten wird: Derjenige wird es wahnsinnig schwer haben, Bernhard zu ersetzen. Bernhard hat seine Rolle am Mikrophon immer absolut mustergültig interpretiert und dadurch die Messlatte für seine potenziellen Nachfolger sehr hoch gelegt.“


 
         
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